Ein Nachklapp zum gestrigen Post zum Thema Sorge und Vertrauen: Jesus legt ja in seinen Predigten Wert darauf, Gott als Vater zu zeigen. Er fordert zum Vertrauen heraus. Dabei scheint ihm sehr wohl bewusst zu sein, dass wir Menschen so unsere Schwierigkeiten haben, Gott als liebevollen Vater zu sehen. Wie würden wir dieses Problem angehen?
Wir würden vielleicht darüber reden, wie sehr das eigene Vaterbild das Gottesbild prägt. Wie wichtig es ist, dass Wunden aus der Kindheit heilen und dass Vergebung geschieht. Ich glaube, all dies ist gut und wichtig. Jesus bietet in Lukas 18 einen anderen Weg an. Es ist die Geschichte vom ungerechten Richter und der “nervigen” Witwe:
Durch folgendes Gleichnis machte er ihnen deutlich, dass sie immer beten sollten, ohne sich entmutigen zu lassen:
“In einer Stadt lebte ein Richter”, sagte er, “der achtete weder Gott noch die Menschen. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und ihn aufforderte, ihr zum Recht gegen jemand zu verhelfen, der ihr Unrecht getan hatte.
Lange Zeit wollte der Richter nicht, doch schließlich sagte er : ‘Ich mache mir zwar nichts aus Gott, und was die Menschen denken, ist mir egal, doch diese aufdringliche Witwe wird mir lästig. Ich muss ihr zum Recht verhelfen, sonst wird sie am Ende noch handgreiflich.’”
Der Herr fuhr fort: “Habt ihr gehört, was dieser Richter sagt, dem es ja gar nicht um Gerechtigkeit geht? Sollte Gott da nicht erst recht seinen Auserwählten zu ihrem Recht verhelfen, die Tag und Nacht zu ihm rufen? Wird er sie etwa lange warten lassen? Ich sage euch: Er wird dafür sorgen, dass sie schnell zu ihrem Recht kommen. Aber wird der Menschensohn wohl solch einen Glauben auf der Erde finden, wenn er kommt?”
Wer die Geschichte oberflächlich liest, der man denken, dass Jesus Gott mit dem ungerechten Richter vergleicht, den man durch beharrliches Gebet erweichen muss. Und mal ehrlich: So manches Gebet in christlichen Gebetskreisen hört sich tatsächlich so an. Doch Jesus will etwas ganz anderes damit sagen. Das Gleichnis macht deutlich: Selbst wenn man von Gott das Bild eines ungerechten Richters hätte, wäre es nicht umsonst zu beten. Man könnte selbst einen ungerechten Gott umstimmen. Wieviel mehr wird Gott, der gerechte Richter und liebevolle Vater dann die Gebete seiner Kinder erhören?
Ich finde es spannend, dass Jesus in diesem Gleichnis nicht versucht, durch Argumente und gutes Zureden das falsche Gottes bild zu verändern. Stattdessen fordert er seine Zuhörer sozusagen auf, erstmal mit dem alten Gottesbild weiterzumachen und zu “arbeiten”. Das falsche Gottesbild soll sie nicht davon abhalten zu beten. Und das ist das Geheimnis: Sobald Menschen den Raum des Gebets betreten – und zwar wiederholt – passiert etwas:
Gott setzt Himmel und Erde in Bewegung, um seinen Kindern zu helfen.
Und je öfter ich bete und je öfter ich gute Erfahrunge machen umso blasser werden die falschen Gottesbilder. Gott tut seinen Kindern natürlich auch dann Gutes, wenn sie nicht zu ihm bitten. Dadurch beraubt man sich aber der Erfahrung, dass das eigene Gebet Kraft hat und das Gott wirklich direkt auf die Stimme seiner Kinder hört. Gute Dinge, die einem dann widerfahren, könnte man als Zufall oder gönnerhafte Laune eines ungerechten Gottes abtun.
Das kann man aber nicht, wenn man wiederholt die Erfahrung macht, dass Gott mein Gebet erhört. Denn das heißt: Ich bin ihm wichtig. So wichtig, dass der große Gott und gerechte Richter, sich zu mir beugt und mein Anliegen anhört und mir hilft. Weil ich sein Kind bin und ihn darum gebeten habe. Schlechte Gottesbild werden durch gute Erfahrungen durchbrochen. Jedes Gebet ist ein Schritt dorthin.
Michael Gerster