Rücktritt als Wort des Jahres 2010

Wir haben zwar erst Juli, aber meine Wahl für das Wort des Jahres 2010 steht fast schon fest: Rücktritt. Oder sollte ich besser sagen Unwort des Jahres? Nach Koch, Köhler und anderen am Wochenende jetzt auch Ole von Beust. Und nicht nur unter den Politikern scheint die Amtsmüdigkeit um sich gegriffen zu haben. Auch den Sport erwischt’s: DFB Präsident Theo Zwanziger steht im Oktober möglicherweise nicht erneut für das Amt zur Verfügung.

Was verwundert: Die Rücktritte kommen nicht von Männern, bei denen man es erwartet hätte oder bei denen offensichtliche Gründe nahe lagen. Stattdessen argumentieren die meisten damit, dass sie ihres Amtes müde seien oder dass es Zeit sei für einen Wechsel. Warum geben gestandene Politiker ihren Posten aus diesem Grund plötzlich einer nach dem andern auf? Wird ihnen die Verantwortung zu viel? Sehen sie sich den Schwierigkeiten und Anforderungen nicht mehr gewachsen?

So leicht dieses Jahr die Wahl zum Wort des Jahres meiner Meinung nach fällt, so sehr bestürzt mich diese Rücktrittswelle. Und ganz dumpf werde ich das Gefühl nicht los, dass wir alle vielleicht nicht ganz unschuldig daran sind. Verantwortung für ein Volk zu übernehmen, dass (fast) nur noch meckert und mosert, alles besser weiß und von seinen Politikern Perfektion erwartet – das kann ja keinen Spaß mehr machen. Politiker sind auch nur Menschen und mit Sicherheit nicht immun gegen eine solche Stimmung.

Damit will ich die Zurückgetretenen nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Gerade von Herrn Köhler, den ich sehr geschätzt habe, hätte ich mir mehr Standfestigkeit gewünscht – Deutschland zuliebe. Aber auf der anderen Seite frage ich mich auch, wie wir in unserer Gesellschaft wieder ein Klima schaffen können, in dem Menschen, die sich politisch engagieren, Unterstützung und Respekt für ihre Arbeit bekommen. Und das gilt nicht nur für die großen Namen, sondern auch für den Lehrer, Handwerker oder die Büroangestellte, die sich nach Feierabend noch in einer Partei oder politischen Bewegung engagieren.

Der Vergleich ist gewagt, aber vielleicht gilt hier für uns im Kleinen auch ein wenig, was die Unterzeichner des Stuttgarter Schuldbekenntnisses nach dem 2. Weltkrieg bekannt haben:

Aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

Die Politiker können die Verantwortung für unser Land nicht alleine schultern. Sie brauchen unsere Unterstützung – und sei es nur dadurch, dass wir in einem Ton von ihnen reden, der sie nicht quer durch die Bank als Dummköpfe abstempelt. Und manchmal wären vielleicht auch ein bisschen Lob oder ein Danke angebracht…

Hanna Keller

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