Ha! Ha! said the Clown
Der 26. Geburtstag war für eine Bekannte ein Tag des Grauens. Er hat ihr mit gnadenloser Genauigkeit klar gemacht, dass sie mehr Jahre von der 20 entfernt ist als es bis zur 30 sind. Nun werden wir alle nicht jünger, aber gerade sie hat ihre körperliche Halbwertszeit neu berechnet und sah nun in einen tiefen, gähnenden Abgrund. Darin sprang ihr ein flötender Clown entgegen und rief ihr mit schmerzverzerrter Fratze entgegen: „Die Zeit läuft ab. Such dir den Mann fürs Leben.“
Wer einmal Romme oder Canasta gespielt hat, weiß, dass es verschiedene Jokerkarten gibt – jede mit einem grotesken, zuweilen skurrilen oder lustigen Clownmotiv. Ich bin der Meinung, dass wir alle unseren kleinen Clown mit uns herumschleppen.
Ein Mitbewohner beispielsweise ist auch auf der Suche nach der großen Liebe. Seine Taktik: Viel hilft viel. Wenn er also die Anzahl seiner Frauenkontakte erhöht, dann erhöht er auch die Wahrscheinlichkeit, dass es einmal klappt.
Zu peinlich, zu aufdringlich, zu Markus
Mein eigener Clown kann über derartige mathematische Denkspiele nur lachen. Er lacht überhaupt die ganze Zeit, vornehmlich über mich. „Zu peinlich, zu aufdringlich, zu Markus“ – das sagt er mir. „Das kann doch nie gut gehen, lass es sein“, so geht es dann weiter. Am Ende folgt ein derber Lacher: Hehehe…
„Ich bin die Frau des Clowns“
Wie können wir mit den Clowns unseres Lebens sinnvoll umgehen? Vielleicht auf die Art und Weise, wie es Manfred Mann 1967 in seinem bekannten Lied getan hat: Ha! Ha! Said the Clown.
Darin beschreibt er ein Zirkusstück: Der König verliert bei einer Romanze seine Krone, der Clown lacht. Dem Sänger fällt ein Mädchen auf, das lächelt, tanzt und ihm einen Kuss zuwirft. Er fragt sie nach ihrem Namen und ihrer Telefonnummer. Die Antwort: „Ich bin die Frau des Clowns.“
Durch diesen Korb verdreht sich die Perspektive. Anfangs hat der Sänger noch über die Geschichte des Clowns gelacht. Jetzt ist er selbst der König ohne Krone und damit das Objekt des Spotts. Ironie, Augenzwinkern, ein kleiner Spaß über sich selbst, das sind Mittel, mit denen die Lacher des Clowns leiser werden können.
Wenn der Witz verschwimmt
Aber sie werden nicht verstummen. Der Clown ist nämlich Teil des Spiels. Er ist im Kartenblatt enthalten und er lässt sich nicht mit Ignoranz oder Verdrängung abschalten. Die Kunst des Clowns ist es, immer auch einen wahren Punkt zu treffen, ihn aber verzerrt wiederzugeben.
Deshalb schmerzen die Anklagen des Clowns. Sie stacheln mich zur Rechtfertigung auf. Damit verstärke ich allerdings die Macht des Clowns über mich. Sein Witz verschwimmt, es bleibt nur der Hohn und die Herabsetzung seiner Grimassen. Die Musik wird auf diesem Weg immer dumpfer, düsterer, härter. Im Endeffekt drehe ich mich so noch mehr um mich selbst.
Kreuzbube und Herzdame
Beim Canasta kommen sechs Jokerkarten auf 104 andere. Klar, der Joker kann zu jeder anderen Karte werden. Aber das eigentliche Spiel wird von den anderen Karten gespielt, etwa vom Kreuzbuben, dem höchsten Trumpf beim Skat. Oder aber der Herzdame, seit jeher der Bezugspunkt romantischer Liebesmetaphern.
Doch es reicht nicht aus, sich die Macht der anderen Karten nur bewusst zu machen. Wir müssen sie zusammen denken, zusammen spielen, zusammen leben.
Meine Bekannte und mein Mitbewohner sind sich begegnet. Sie hatten die Chance dazu. Doch sie waren beide mit ihren Lebensansätzen auf dem Holzweg, sie haben sich nur um sich selbst gedreht. Deswegen kam es zu unschönen Szenen, zu Streit und Verletzung.
Mit dem Clown lachen
Ich will diesen Fehler nicht machen. Zwar frage ich mich, ob meine Bilder nicht vielleicht doch mein eigenes narzisstisches Loblied sind. Doch dann wird mir klar, dass der Grund des Ganzen nicht in mir selbst liegt, sondern im Nächsten. In der Liebe, die ich nicht für mich empfinde, sondern für eine Frau.
Durch den Blick auf sie werde ich frei, auch mich selbst wieder mehr anzunehmen. Ja: Ha! Ha! Said the Clown. Aber nun lache ich mit, denn der Clown lacht mit mir zusammen über mein Glück.
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