Die stille Mehrheit spricht: Was Müttern in Europa wichtig ist

Es gibt immer wieder kleinen Perlen im Internet – und manchmal findet man sie auch. Ich habe den Eindruck, mit der Seite von MMM Europe auf eine solche gestoßen zu sein. Dabei ist das Mouvement Mondial des Mères-Europe (in Englisch heißt der Verein Make Mothers Matter) schon recht alt: 1947 wurde die Organisation gegründet und vertritt heute 6 Millionen Frauen in über 30 Ländern. Ihr Ziel ist es, in Gesellschaft und Politik auf die Bedürfnisse von Müttern hinzuweisen und darauf aufmerksam zu machen, welchen Beitrag Mamas für eine funktionierende Gesellschaft leisten. Zwischenzeitlich hat MMM dafür auch einen beratenden Status bei der UN inne.

Bereits im Mai 2011 hat die Organisation die Ergebnisse eine Umfrage unter 11.000 Müttern in Europa veröffentlicht. Der daraus resultierende Bericht “Was Müttern in Europa wichtig ist”  will offen legen, “was diese viel zu oft stille Mehrheit zu sagen hat”. Rund 9% der teilnehmenden Frauen kamen aus Deutschland, die Mehrheit der Teilnehmerinnen stammte aus Frankreich, Belgien und Spanien.

Was mich persönlich an der Umfrage am meisten gefreut hat, ist das Ergebnis, dass viele Frauen ihr Muttersein als erfüllend empfinden und dafür von ihrem Partner oder Ehemann emotionale und finanzielle Unterstützung erfahren. Steht es um das Modell “Familie” in Europa etwa gar nicht so schlecht, wie viele Medienberichte es immer wieder darstellen?

Ein großer Teil der Umfrage beschäftigte sich natürlich auch mit der Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf. Hier ist es überraschend, dass viele Mütter nichts dagegen haben, zumindest für das erste Lebensjahr vollständig auf eine Berufstätigkeit zu verzichten: “Von allen befragten Müttern wollen sich 78% der Mütter Vollzeit um ihre Kinder kümmern während des Alters zwischen 0-1 Jahren. 61% Prozent wollen dies auch für die Kinder in der Altersgruppe zwischen 1-3 Jahren. Der Prozentsatz fällt auf 37% wenn die Kinder das Schulalter erreichen (4-6 Jahre).”

Der von der Wirtschaft oft angestrebte schnelle und vollständige Wiedereinstieg der Mütter in die Arbeitswelt steht auf der Wunschliste der Befragten dagegen anscheinend nicht ganz oben. Ihnen sind Flexibilität, eine größere Wertschätzung ihrer häuslichen Tätigkeit und eine Anerkennung bezüglich der Rente wichtiger. So schreibt eine Teilnehmerin:

„Wir Mütter wollen die Möglichkeit, unsere Kinder selbst großzuziehen und die Flexibilität, unsere Arbeitsstunden im Erwerbsleben einzuteilen, oder eine Karriere- Unterbrechung vorzunehmen je nach Alter unserer Kinder. Bitte vereinfacht unseren Wiedereinstieg in das bezahlte Erwerbsleben, wenn unsere Kinder alt genug sind, um in die Schule zu gehen.“

Auch andere Ergebnisse der Umfrage sind  aus meiner Sicht motivierend. Schaut man sich zum Beispiel einmal an, wie viele der Mütter sich ehrenamtlich engagieren, wird schnell klar, dass der Satz “Was, Du bist nur Mutter und Hausfrau?!” an der Realität vorbei geht. Die Umfrage fasst dieses Ergebnis so zusammen: “Da sie [Mütter] aktiv ihre Eltern, andere Familienmitglieder, Nachbarn und auch Freunde unterstützen, und weil sie sich ehrenamtlich engagieren, sind Mütter ein wichtiger Faktor für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.”

Naja – eigentlich liegen viele Ergebnisse der Umfrage auf der Hand und die meisten Mütter würden wohl sagen, dass sie das alles auch intuitiv und ohne groß angelegte Aktion hätten sagen können. ;-) Wertvoll sind die Ergebnisse trotzdem. Zum einen, weil sie zeigt, was Mütter europaweit bewegt und zum anderen, weil zu wünschen ist, dass viele PolitikerInnen und UnternehmerInnen ebenfalls auf ihren gesunden Menschenverstand hören und sich die Studie zu Herzen nehmen.

Abschließen noch ein paar Kostproben von dem, was Mütter von Politikern wollen (in Klammern jeweils die Angabe, aus welchem Land die betreffende Frau stammt):

„In einer Zeit der demographischen Alterung, in der Kinder unsere Zukunft sein sollten, fühlt sich Kinderkriegen für mich beängstigend an oder wie eine Bestrafung. Heutzutage gebäre ich Kinder, die von anderen großgezogen werden müssen. Die Mutterschutzzeit ist zu kurz, ein Platz in einer Tagesbetreuung ist schwer zu finden, Arbeitszeiten und Unterrichtszeiten sind nicht aufeinander abgestimmt und was soll man mit den Kindern im Sommer machen, wenn die Eltern arbeiten? Gebt Müttern einen verlässlichen Status, damit diejenigen, die sich für die Mutterschaft entscheiden, nicht zwischen Übermüdung (burnout) und Armut wählen müssen (Belgien).“

„Gebt uns das Recht, uns selbst zu entscheiden. Ich fühle mich gefangen in einem feministischen Kreuzzug, wo ich und mein freier Wille nicht existieren.
Die Gesellschaft ist dabei uns umzuprogrammieren, damit wir denken, wir könnten nur arbeiten und unsere Kinder von anderen großziehen lassen. Ich bin jung und ich kann abseits von zu Hause arbeiten, wenn meine Kinder älter werden. Jetzt gerade verpasse ich ihre Kindheit und ihr Bild von Mama ist eine gestresste Frau, die nicht sie an erster Stelle setzt, sondern zur Arbeit geht.“ (Schweden)

„Arbeitnehmer sollten keine Überstunden machen müssen, was für Familien und auch andere schlecht ist, aber in Dänemark fühlen sich die Menschen gezwungen es zu tun, weil die Zahl der Arbeitslosen so hoch ist, die auf der Suche nach einem Job sind.“

„Die soziale Botschaft muss schlüssig sein. Man kann nicht einerseits für eine harmonische Balance zwischen Arbeit und Familienleben plädieren und andererseits an unflexiblen Arbeitsbedingungen festhalten. Wenn mit einem Kind etwas schief läuft, sind die Menschen schnell dabei, den Eltern Vernachlässigung vorzuwerfen, aber wenn die Eltern sich entscheiden, sich mehr Zeit für die Kinder zu nehmen, wird ihnen Faulheit vorgeworfen. Die
Gesellschaft muss eine freie Wahl ermöglichen und die Politik muss diese Freiheit verteidigen.“ (Niederlande)

„Schafft ein familienfreundliches Steuer- und soziales Sicherungssystem, das die erheblichen, zusätzlichen Kosten berücksichtigt, die Familien mit Kindern bewältigen müssen, im Vergleich zu kinderlosen Paaren. Beendet die Ausbeutung von Müttern, die ohne Bezahlung arbeiten und die Kinder bilden und erziehen, die später die Pensionen der Menschen bezahlen, die keine Kinder großgezogen haben.“ (Deutschland)

„In Spanien haben früher die Großmütter auf die Kinder aufgepasst, wenn die Mütter arbeiten gingen, aber Großmütter arbeiten heute mehr, wer wird sich um die Kinder kümmern? Arbeits-, Schul- und Vorlesungszeiten passen nicht zueinander. Eltern sollten sich an den Zeitplan der Kinder anpassen und Männer könnten eventuell ebenfalls ihre Arbeitszeiten reduzieren, um sich mehr der Verantwortung für die Kinderbetreuung zu stellen.“

Hanna Willhelm

Zur Studie “Was Müttern wirklich wichtig ist“. Sie  wurde ins Deutsche übersetzt von frau2000plus.net. Zur Originalstudie in Englisch.

 

 

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2 Reaktionen zu “Die stille Mehrheit spricht: Was Müttern in Europa wichtig ist”

  1. Christine

    Danke. Wie schön einmal von anderen Müttern zu hören, die auch lieber bei ihren Kleinkindern bleiben möchten mit dem Wissen, dass es sich um eine wertvolle Phase im Leben ihrer Kinder handelt.

  2. xyz

    Frauen bekommen am ehesten Kinder, wenn sie “nur” Teilzeit arbeiten (Wahrscheinlichkeit ein 2. Kind zu bekommen). Das ist nur verständlich. Man muss sich immer folgendes vor Augen führen: auf die meisten Frauen wartet keine tolle Karriere, sondern einfach nur ein Job, das kann auch heißen 40 Std./Woche im Supermarkt hinter einer Kasse zu sitzen. Natürlich ist das keine Erfüllung für viele, damit verdient man nur ein bisschen Geld.
    Ich selbst arbeite auch ohne Kind nur Teilzeit und nutze meine Lebenszeit sonst sinnvoller, die Qualität der Arbeit ist einfach zu schlecht. Vollzeit bin ich von meinem Beruf krank geworden, deshalb arbeite ich nur Teilzeit und das würde erst Recht gelten, wenn ich Kinder hätte.

    in West-DE arbeiten 25% im Minijob – woher sollen all die Arbeitsplätze auf einmal kommen? Es gibt einen Mangel an Arbeitsplätzen europaweit!

    steigt die Frauenerwerbsquote an, so steigt auch die Jugendarbeitslosigkeit, weil es europaweit Massenarbeitslosigkeit und nicht ausreichend Arbeit gibt. Deshalb ist es eher ein Vorteil, dass Mütter Teilzeit arbeiten wollen, dann kann man die Arbeit umverteilen und aufteilen auf mehr Familien.

    wie sieht denn die Wirtschaft heute aus? Ökonomisierung aller Lebensbereiche (Kinder nur noch als Einzahler, Steuerzahler, Facharbeiter sehen, der Mensch als Arbeitsdrohne und Konsument, mehr nicht), Burnout bei den einen, Boreout bei anderen, Mrd. Überstunden, gleichzeitig Massenarbeitslosigkeit/hohe Jugendarbeitslosigkeit, Kindermangel).

    diese Wirtschaft bringt den Menschen nur Unglück – man muss umverteilen lernen: Arbeit muss geteilt werden, damit sie erträglich bleibt, Familien muss Gelegenheit für Familienleben gegeben werden. Teilzeitarbeit für Frauen kann das ermöglichen. Dafür muss man dann aber Bildung und Ausbildung weit streuen und jobsharing umsetzen.

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