Mein wahres Ich braucht eine zweite Chance
Vor einigen Wochen gab es bei Facebook und twitter ein interessantes Experiment. Die Macher des Blogs “People of the Second Chance” hatten dazu aufgefordert, “ehrliche” Profilbilder von sich hochzuladen und eine Zeit lang auf die digital aufgepeppten Hochglanzbilder zu verzichten. Stattdessen sollte man ein ehrliches Foto von sich hochladen, am besten eins, das man morgens direkt nach dem Aufstehen von sich gemacht hat.
Ziel des Experiments war es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Wert eines Menschen nicht an seinem Äußeren hängt. Das Experiment passt zur Gesamtausrichtung des Blogs. Es geht darum, Menschen zu einer zweiten Chance zu verhelfen. Und zwar nicht aus eigener Kraft, sondern aus Gottes Gnade – deshalb auch der Untertitel “Radical Grace in Life and Leadership” (Radikale Gnade im Leben und im Leiten).
Und so hat das „RealMe“-Experiment einige Menschen ins Nachdenken gebracht. Manch einer hat erkannt, wie wichtig es im Leben immer wieder ist, eine zweite Chance zu bekommen. Beeindruckt hat mich vor allem der Kommentar einer jungen Frau, den “People of the Second Chance”-Autor Mike Foster im Blog veröffentlicht hat.
Nicole Wick gibt zu, dass sie sich zunächst ganz bewusst nicht an dem Experiment beteiligt hat. Sie schreibt:
“Es macht mir nichts aus, mein Gesicht so zu zeigen, wie es morgens aussieht. Ohne Make-up, ohne Haarfestiger. Es ist keine Sünde, müde oder bleich auszusehen. Es ist auch keine Sünde, hässlich zu sein. Aber es ist eine Sünde, dick zu sein.”
Sie beschreibt weiter, wie sie schon seit der Kindheit mit den Pfunden zu kämpfen hatte. Ihre Mutter war eine gute Köchin, die kalorienreiche Kost des amerikanischen Südens tat ihr Übriges. Nach der Geburt ihres ersten Kindes hatte sie jedoch 11 Kilo zugelegt. Als sie dann noch herausfand, dass ihr Mann pornosüchtig war, fiel sie in eine tiefe Depression. Sie versuchte, die Traurigkeit mit ihrem bekannten Heilmittel zu bekämpfen: dem Essen. Aus den 11 Kilo extra wurden dann insgesamt 45 Kilo, die sie zusätzlich mit sich herumschleppen musste. Sie wünscht sich nur noch eins – ein zweite Chance. Sie schreibt:
“So. Das ist mein wahres Ich. Und ich hasse es. Es ist wichtig, dass ich mich bemühe, die richtigen Dinge zu essen, Sport zu treiben und der Versuchung widerstehe, meine Depression mit Eiskrem zu behandeln. Aber noch wichtiger ist es, dass ich eine zweite Chance bekommen. Und zwar wine zweite Chance von den Menschen, die mich verurteilen, über mich witzeln oder einfach voreilige Schlüsse ziehen.
Aber – ehrlich gesagt, noch wichiger ist es, dass ich mir eine zweite Chance gebe. Ich muss dahin kommen, dass ich mich so akzeptiere, wie ich bin. Wie ich wirklich bin. Ich habe eine manchmal unerschöpfliche Gabe, anderen gegenüber gnädig zu sein. Egal, was sie getan haben. Aber es fällt mir extrem schwer, mir gegenüber gnädig zu sein. Und ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, der das schwerfällt”.
Ich frage mich, was passieren würde, wenn wir in unserem Leben, es uns und anderen vielmehr gestatten würden, hinter unsere aufgetakelte Identität zu schauen? Was würde passieren, wenn es uns gelänge in unseren Kirchen und Gemeinden, offener mit unseren Sünden umzugehen? Vielleicht würden wir mehr und mehr erkennen, dass wir nichts sind als eine Gemeinschaft von Sündern. Von den Sündern, denen vergeben wurde und deren Leben von Gottes Perspektive aus wieder heil gemacht wurde. Vielleicht wären die Beziehungen echter, der Trost tiefer und die Dankbarkeit über die Gnade größer. Und vielleicht wären wir auch plötzlich einladender in unserem Glauben.
Doch ich weiß auch, dass man Ehrlichkeit nicht von anderen einfordern kann. Offenheit im Umgang mit dem eigenen Versagen muss bei einem selbst anfangen. Traue ich mich das? Was denken die anderen? Ich zumindest hätte Angst davor. Das will ich ehrlich zugeben – und um mehr Mut bitten.
Michael Gerster
(Foto: Shuwal, photocase.de)